Nicht anfassen.Was der deanimierte Zustand ist, warum er heilen kann, und wie man Menschen daraus sicher zurückbringt.

In Ritualen kommt es vor, dass jemand in einen Zustand fällt, in dem sich der Körper nicht mehr bewegen lässt. Für die Person kann das der heilsamste Moment des Abends sein. Für die Leitung ist es die Prüfung. Diesen Begriff findest du sonst nirgends erklärt, darum steht er hier.

Von Andy DittrichStand 17. September 20267 Minuten

Definition

Ein deanimierter Zustand ist ein Zustand, in dem dein Körper wie stillgelegt ist. Du weisst, dass du dich nicht mehr bewegen kannst. Dein Gewahrsein ist dabei wach.

Wer sich in diesen Zustand reinentspannen kann, für den ist er wahnsinnig heilsam. Wer sich wehrt, erlebt Panik. Der Unterschied liegt oft nur darin, ob es dir vorher jemand erklärt hat.

Was das genau ist.

Wir müssen etwas definieren, das du sonst nirgends findest. Ich nenne es den deanimierten Zustand. Dein Körper fällt in einen besonderen Zustand, in dem du weisst, dass du dich nicht mehr bewegen kannst. Du bist wach. Du kriegst mit, was im Raum passiert. Und du kannst nichts tun.

Das passiert in tiefen Ritualen. Bei Pflanzenritualen, bei starkem Breathwork, wo es körperlich als Tetanie erklärbar ist, und manchmal in tiefen Traumreisen. Und wenn du dich in diesen Zustand reinentspannen kannst, dann ist es ein wahnsinnig heilender Zustand. Wenn du dich wehrst, ist es Panik.

Für die Leitung ist das die eigentliche Prüfung. Was jetzt getan wird, entscheidet über den Ausgang. Die wichtigste Regel: nicht anfassen. Menschen in diesem Zustand erschrecken zu Tode, wenn sie plötzlich berührt werden. Sie sicher zurückzubringen ist ein Handwerk. Und Handwerk lernst du nicht aus Büchern.

Nicht anfassen.

Der Körper steht still. Das Gewahrsein nicht.

Das ist der Zustand, den die meisten Leitungen nie gesehen haben und trotzdem auslösen. Der Körper hört auf, sich zu bewegen. Die Person hört alles. Und die einzige Regel, die zählt, steht in der Mitte.

  • Es beginnt unauffällig: Hände, Kiefer, dann der ganze Körper
  • Das Gewahrsein bleibt wach, die Person hört alles
  • Nicht anfassen
  • Die Rückkehr: die Leitung holt zurück, in Ruhe, ohne Griff
Das GewahrseinDer KörperNicht anfassendie Person ist wach, hört alles, kann sich nicht bewegenEs beginnt unauffälligHände, Kiefer, dann der ganze KörperDie Rückkehrdie Leitung holt zurück, in Ruhe, ohne Griff

Wie es abläuft.

Die Formen sind unterschiedlich, der Ablauf ist fast überall gleich. Wenn du weisst, was kommt, kannst du dich um das Wesentliche kümmern.

01

Es beginnt unauffällig

Der Körper wird schwer, die Bewegungen hören auf. Von aussen sieht es aus, als wär jemand eingeschlafen oder weggetreten.

02

Die Person ist wach

Sie kriegt mit, was im Raum passiert. Und sie kann nichts tun. Das ist der Moment, in dem sich entscheidet, ob es Panik gibt.

03

Entspannen oder wehren

Wer weiss, was gerade passiert, kann sich reinfallen lassen. Dann wird es einer der tiefsten Momente, die ein Ritual zu bieten hat. Wer es nicht weiss, kämpft gegen seinen eigenen Körper.

04

Die Leitung wird geprüft

Nicht anfassen. Ruhig bleiben. Mit der Stimme führen. Alles andere ist Handwerk, das genau an dieser Stelle sitzen muss.

05

Die Rückkehr

Sie passiert von selbst, und man kann sie begleiten. Zuerst die Augen, dann der Brustkorb, dann das Lachen. Danach braucht die Person Zeit, Wärme, und jemanden, der nichts deutet.

Sicher rein. Und sicher wieder raus.

Worüber du dir im Klaren sein musst.

Nicht anfassen. Das ist die wichtigste Regel.
Menschen in diesem Zustand sind wenig in ihrem Körper. Wer sie einfach berührt, um zu helfen, erschreckt sie zu Tode. Gut gemeint ist hier das Gegenteil von gut gemacht.
Wer in Panik gerät, kann nicht mehr denken.
Das gilt für die Person am Boden und genauso für die, die den Raum leitet. Darum meine Anforderung an alle, die Rituale anleiten: ruhig sein. Oder so gut ausgebildet, dass man ruhig bleibt. Das ist superwichtig, und es ist die eigentliche Qualifikation.
Zurückbringen ist Handwerk, kein Wissen.
Ich hab Jahre gebraucht, um es zu lernen. Erklären könnte ich es dir in einer halben Stunde. Können wirst du es damit nicht. Handwerk lernst du nicht aus einem Buch, du musst es live erlebt haben, am besten neben jemandem, der es kann.
Ein Glücksfall ist keine Methode.
Als es mir das erste Mal passiert ist, dass Menschen in diesen Zustand fielen, war ein schamanischer Lehrer dabei. Das war Glück. Wer ein Ritual leitet und hofft, dass zufällig jemand da ist, der es kann, hat sich nicht vorbereitet.
Für dich als Teilnehmerin heisst das: frag vorher.
Du musst das Handwerk nicht können. Du musst nur wissen, ob die Person, in deren Raum du dich legst, es kann. Eine Frage reicht. Die Antwort hörst du am Tonfall.

Fragen vor deinem ersten tiefen Ritual.

Drei an die Person, die leitet, eine an dich. Ein Satz ist eine Antwort, zehn Minuten sind keine.

Frag nachVor deinem ersten tiefen Ritual
  • «Was tut ihr, wenn jemand sich nicht mehr bewegen kann?»
  • «Wer ist da, wenn etwas Unerwartetes passiert?»
  • «Wie bringst du uns zurück?»
Und eine an dichWie will ich mich fühlen, wenn ich rauskomme?

Ein Satz ist eine Antwort. Zehn Minuten sind keine.

«Was tut ihr, wenn jemand sich nicht mehr bewegen kann?»
Die beste Antwort fängt an mit: nicht anfassen. Wer «das kommt bei uns nicht vor» sagt, hat noch nicht tief gearbeitet.
«Wer ist da, wenn etwas Unerwartetes passiert?»
Ein Name ist eine Antwort. «Ich» ist auch eine, wenn danach kommt, was diese Person dann tut.
«Wie bringst du uns zurück?»
Zuerst die Augen, dann der Brustkorb, dann das Lachen. Wer so etwas in seinen Worten sagen kann, hat es gemacht.
«Wie will ich mich fühlen, wenn ich rauskomme?»
Die an dich. Ein Wort, fünf Sekunden, Finger auf die Stelle. Das ist der Faden, der bleibt, wenn der Körper stillsteht.

Die fünf Fragen, die für jede Leitung gelten, stehen auf einer eigenen Seite: Schau genau hin. Frag nach.

Wann es keine Ritualfrage mehr ist

Bewegungsunfähigkeit kann auch medizinische Ursachen haben. Bei Bewusstlosigkeit, unregelmässiger Atmung, Krampfanfall, blauen Lippen, oder wenn jemand nicht ansprechbar ist, gilt kein Ritualwissen mehr, sondern der Notruf 144. Ein deanimierter Zustand ist etwas anderes: Die Person ist wach, ansprechbar, atmet ruhig, sie kann sich nur nicht bewegen. Wer nicht sicher ist, welcher von beiden Fällen es ist, behandelt es als Notfall.

Und danach?

Nach so einem Zustand braucht ein Mensch Wärme, Ruhe, Zeit. Und vor allem niemanden, der ihm erklärt, was das zu bedeuten hatte. Frag, ob jemand etwas trinken will. Bleib in der Nähe, ohne zu reden.

Was zu sagen ist, sagt die Person selbst, wenn sie so weit ist. Manchmal sagt sie tagelang nichts. Auch das ist in Ordnung.

Sicher rein. Und sicher wieder raus.

Häufige Fragen.

Was ist ein deanimierter Zustand?
Ein Zustand in tiefen Ritualen, in dem dein Körper wie stillgelegt ist: Du weisst, dass du dich nicht bewegen kannst, und du bist dabei wach. Wer sich reinentspannen kann, für den ist er heilsam. Wer sich wehrt, erlebt Panik.
Ist der deanimierte Zustand gefährlich?
Der Zustand selbst nicht. Gefährlich ist, was die Leitung damit macht: anfassen, hektisch werden, hochziehen. Und gefährlich ist, ihn mit einem medizinischen Notfall zu verwechseln. Wer bewusstlos ist, nicht ansprechbar, unregelmässig atmet: Notruf 144.
Warum darf man jemanden in diesem Zustand nicht anfassen?
Weil der Mensch wenig in seinem Körper ist und eine plötzliche Berührung ihn zu Tode erschreckt. Gut gemeint ist hier das Gegenteil von gut gemacht. Zu früh geholt ist nicht gerettet. Es ist unterbrochen.
Bei welchen Ritualen kommt das vor?
Bei Pflanzenritualen, bei starkem Breathwork, wo es körperlich als Tetanie erklärbar ist, und manchmal in tiefen Traumreisen.
Wie bringt man jemanden sicher zurück?
Nicht anfassen. Ruhig bleiben. Mit der Stimme führen. Die Rückkehr kommt von selbst: zuerst die Augen, dann der Brustkorb, dann das Lachen. Das ist Handwerk, und man lernt es neben jemandem, der es kann, nicht aus einem Buch.
Was frage ich eine Leitung vorher?
Was tut ihr, wenn jemand sich nicht mehr bewegen kann? Wer ist da, wenn etwas Unerwartetes passiert? Wie bringst du uns zurück? Die Antworten hörst du am Tonfall.
Woher kommt der Begriff?
Von mir. Ich hab ihn so genannt, weil es dafür kein Wort gab und ich es in Workshops erklären musste. Im Kanon heisst es deanimation, out of the body. Der Zustand ist alt. Nur das Wort ist neu.

Wer das schreibt.

Andy Dittrich
Andy Dittrich

Rund hundert Workshops bei verschiedenen Lehrern besucht, zwei Breathwork-Ausbildungen, viele Jahre als Schüler bei indigenen Schamanen in Nordamerika und in der Mongolei und bei einem Lehrer in der marokkanischen Wüste. Rund zweitausend Menschen hat er durch Rituale begleitet, sicher hinein und sicher wieder heraus.

Hier steht nur, was er von innen kennt.

Meine Absicht mit diesen Seiten: Ich geb dir Wissen, damit du den Unterschied selber findest. Zwischen schamanischem Bullshit und einem besonderen Erlebnis.

Bevor du hingehst

Sicher hinein.Und sicher wieder heraus.

Das ist die ganze Aufgabe von jemandem, der ein Ritual leitet. Alles andere, die Trommel, die Kräuter, die Worte, ist Beiwerk. Wenn du nur eine Frage stellen kannst, bevor du dich irgendwo hinlegst, dann diese: Wie bringt ihr Menschen sicher wieder zurück?

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