
«Ich halte den Raum» ist das freundlichste Wort in spirituellen Kreisen und das falscheste. Es klingt bescheiden, und es nimmt den Menschen im Kreis genau das weg, wofür sie gekommen sind. Ein Lehrer hat mir das mit einer einzigen Frage gezeigt.
«Raum halten» bezeichnet in spirituellen und therapeutischen Kreisen die Rolle einer Person, die einen sicheren Rahmen für eine Gruppe herstellt, ohne selbst einzugreifen. Der Begriff ist die Übersetzung von «holding space».
Er beschreibt etwas, das es so nicht gibt. Halten kann man, was stillstehen will und wegkippen könnte: ein Seil, eine Leiter. In einem Ritual steht nichts still. Was dort entsteht, machen die Anwesenden fortlaufend selbst, und es hört auf, sobald sie aufhören.
Bei mir hat es jedes Mal gehakt. Sagen konnte ich dazu nichts. Ich hatte kein Argument und keinen besseren Satz, und wenn du in einem Kreis der Einzige bist, dem etwas aufstösst, ist die naheliegendste Erklärung, dass du es noch nicht verstanden hast. Ich habe das jahrelang mir selbst angelastet.
Halten kann man nur, was stillsteht. In einem Ritual steht nichts still. Die Leitung zeichnet den Kreis, Schritt für Schritt, mit den drei Fähigkeiten, die jeder Mensch mitbringt.
Es war ein Feuerritual, kurz vor dem Ende. Eine Teilnehmerin sagte in die Stille hinein, sie fühle sich so sicher, weil er den Raum halte. Sie meinte es ernst, und sie hatte recht mit dem, was sie spürte. Nur das Wort hatte sie irgendwo aufgelesen.
Mein Lehrer widersprach ihr nicht. Er fragte auch nicht, wie sie das meine. Er stellte seinen Becher ab und stellte eine Frage, die im Kreis erst ein Lachen auslöste und danach eine sehr lange Stille.
«Ihr kennt Hirsche. Wer hält dem Hirsch den Raum?»
Ein Hirsch steht auf einer Lichtung, mitten im Offenen, und ist vollkommen ruhig. Er weiss, wo es sicher ist. Nicht weil er darüber nachdenkt, sondern weil sein Gewahrsein es weiss. Jedes Tier auf dieser Erde lebt so.
Halten kommt selten mit Druck. Es kommt mit den freundlichsten Sätzen, die es gibt, und meistens meint die Person es gut. Das Muster ist trotzdem eines. Acht davon, wie sie im Kreis klingen, und was darin steckt.
Keiner dieser Sätze macht einen Menschen zum schlechten Lehrer. Aber jeder verrät, wo die Person steht: am Rand, mit dem Griff in der Hand. Wer das Muster einmal gesehen hat, hört es überall, auch in den eigenen Sätzen. Die drei Fassungen, die ich selbst zuerst geschrieben hatte, enthielten vier davon.
Halten setzt zwei Dinge voraus. Es braucht etwas, das stillsteht, und etwas, das ohne Griff wegkippen würde. Ein Seil. Eine Leiter. Ein Ritual erfüllt weder das eine noch das andere.
Ein Feuer ist kein Ding, sondern ein Vorgang. Es existiert nur, solange es brennt, und einen Vorgang hält man nicht fest, man hält ihn in Gang. Genauso der Kreis: Was dort entsteht, erzeugen die Anwesenden fortlaufend, gemeinsam, und es endet in dem Moment, in dem sie damit aufhören. Da ist nichts, was jemand für die anderen festhalten könnte.
Wichtiger ist, wohin das Wort die Person stellt, die es benutzt. Der Raumhalter steht am Rand. Er leistet etwas Unsichtbares, das niemand nachprüfen kann, und ohne das angeblich nichts geht. Trägt der Abend, war es seine Arbeit. Trägt er nicht, war die Gruppe noch nicht so weit. Unentbehrlich und unbeteiligt in einem Wort, und vergeben wird es mit dem freundlichsten Ton, den die Szene zu bieten hat.
Bezahlt wird das an anderer Stelle. Wer als Teilnehmerin etwas Echtes spürt und dafür ein Wort bekommt, das eine andere Person verantwortlich macht, erfährt nie, dass sie es selbst hergestellt hat. Genau dafür ist sie aber gekommen.
Du kannst kein Feuer halten. Du machst es.
Du hältst keinen Raum. Du kreierst einen. Das Werkzeug dafür sind drei Fähigkeiten, und hier lag mein zweites falsches Wort: Ich habe lange von den drei Worten meines Lehrers gesprochen. Es sind keine Worte, sondern Fähigkeiten. Worte kann man nachsprechen, Fähigkeiten muss man üben.
Bringt dich dorthin, wo du bist. Nicht in Gedanken an den Ort, sondern wirklich dorthin. Das ist die Fähigkeit, die der Hirsch auf der Lichtung benutzt.
Zeigt dir, was tatsächlich da ist. Die Wärme im Rücken, die Gesichter, das Knacken im Holz. Nicht das, was du erwartest, und nicht das, was dir jemand gesagt hat.
Richtet aus, wohin es geht. Nicht als Wunsch, sondern als Richtung. Kreieren kann man nur von innen, und deshalb gibt es die Rolle nicht, für die das Wort erfunden wurde.
Ein Wort abzulehnen ist billig, solange man kein besseres anbietet. Diese hier sind nicht schöner, sie sind nur genauer. Jeder Satz rechts gibt das, was tatsächlich geschehen ist, an die Menschen zurück, die es gemacht haben.
Eine Antwort, die den Test besteht, ist ein Satz. Wer stattdessen einen langen Prozess beschreibt, hat es entweder nicht durchdacht oder will es nicht sagen. Beides ist eine Antwort.
Die beste Antwort fällt, bevor du fragen musst: am Anfang des Abends, einmal, für alle. Sie klingt ungefähr so: «Die Tür ist den ganzen Abend da, und sie gehört euch. Wenn du sie brauchst, schau in dem Moment einmal nach, was dich schickt. Das Wissen bleibt bei dir.» An der Tür selbst bleibt dann höchstens eine Frage, «Was schickt dich?», und danach ein «Gut». Wer dir stattdessen erklärt, warum Aufhören meist ein Fehler sei, hat die Frage ebenfalls beantwortet.
Diese beiden Fragen sind der Kern des dritten Buchs der Reihe, RITUALE. Wer holt dich zurück? Dort steht für jedes einzelne Ritual, worauf es ankommt.
Andy Dittrich hat sein Berufsleben im Learning und Development von Organisationen verbracht, in rund dreissig Ländern der Welt. Die Antwort auf seine Frage fand er woanders: bei zwei indigenen Schamanen, in Nordamerika und in der Mongolei, und bei einem Lehrer in der marokkanischen Wüste. Rund fünfzig Workshops, viele Jahre, immer als Schüler.
Schamane ist man von Geburt an, sagt er, nicht durch ein Wochenendseminar. Was er weitergibt, ist das, was ihm am Feuer gegeben wurde, in der einzigen Form, die es je hatte: als Geschichte.
Meine Absicht mit diesen Seiten: Ich geb dir Wissen, damit du den Unterschied selber findest. Zwischen schamanischem Bullshit und einem besonderen Erlebnis.

Du kannst kein Feuer halten. Du machst es.
Die Szene am Feuer, der Hirsch und das, was danach kam, stehen dort ausführlich. Zwanzig Jahre, erzählt von einem, der den Weg gegangen ist.
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