Wenn es geheim ist, warum wird es geteilt?Sehr viele Schamanismus-Workshops heissen «Geheimes Wissen». Fangen wir mal logisch an.

Ich hab mit sehr vielen Lehrern aus verschiedenen Traditionen gearbeitet. Mit Zen-Lehrern, mit Qigong- und Tai-Chi-Lehrern, mit Schamanen, mit Buddhisten. Ich hab von keinem einzigen je das Wort «geheimes Wissen» gehört. Was es gibt, ist etwas anderes, und das erzähl ich dir hier.

Von Andy DittrichStand 16. September 20265 Minuten

Kurz gesagt

Wenn etwas geheim ist, behält man es. Wenn man es auf einen Prospekt druckt, will man etwas: dass du in einen Kreis kommst und nachher zu denen gehörst, die es tragen. Dann kommt der nächste Kreis, und der ist teurer.

Was es wirklich gibt: Wissen, das du erst verstehen kannst, wenn du so weit bist. Das ist nicht geheim. Das ist offensichtlich. Und du siehst es trotzdem nicht.

Was es wirklich gibt.

Ich geb dir ein persönliches Beispiel. Mein Lehrer hat mal einen Satz gesagt. Einen einzigen. Und den hat er über mehrere Jahre immer mal wieder in Gespräche eingestreut. Beim Essen, beim Holzholen, mitten in etwas anderem. Ich hab jedes Mal genickt.

Es hat Jahre gedauert, bis ich die Bedeutung dieses Satzes wirklich begriffen habe. Und das hat nichts damit zu tun, dass da etwas geheim war. Der Satz war so offensichtlich. Mein Bewusstsein für spirituelle Praktiken musste sich erst ausdehnen, fähig werden, das überhaupt zu verstehen.

Vielleicht kennst du den Moment. Du sitzt da, und etwas ist so offensichtlich, hat so eine tiefe Bedeutung, und du schlägst dir an den Kopf und denkst: Wie um alles in der Welt konnte ich das vorher nicht sehen? Das ist wie diese Bilder mit zwei Dingen drin. Zwei Gesichter oder eine Vase. Du siehst nur das eine. Bis du das zweite entdeckst. Und dann kannst du irgendwann das zweite gar nicht mehr nicht sehen.

Das ist der grosse Unterschied. Nicht: Was darfst du wissen. Sondern: Ab wann kannst du es verstehen. Dafür braucht es keinen geschützten Kreis. Dafür braucht es Zeit, und jemanden, der den Satz immer wieder fallen lässt und nie erklärt.

Nicht geheim. Nur noch nicht sichtbar.

«Altes Wissen» und die schamanische Familienaufstellung.

Für mich ist dieses «alte Wissen» auf den Prospekten eine absolute Effekthascherei. Ich versteh ja, dass Marketing zum Geschäft gehört. Bei Schamanismus hab ich einfach wirklich Mühe damit.

Es gibt heute so viele Workshops, wo irgendwas drübersteht wie «schamanische Familienaufstellung». Kein Schamane auf der Welt hat je eine Familienaufstellung gemacht. Das ist völliger Blödsinn. Das ist ein Wort aus einem Seminarhotel, das man vor ein anderes Wort geklebt hat, damit es teurer wird. Und wenn es einen Schamanengott gäbe, der würde diesen Leuten eine Abmahnung schreiben. Wegen Missbrauch des Wortes.

Geheimes Wissen

Du sollst in einen Kreis. Der nächste ist teurer.

Uraltes Wissen

Effekthascherei. Alt ist kein Argument, wahr wäre eins.

Für Menschen, die bereit sind

Du sollst dich auserwählt fühlen, bevor du zahlst.

Schamanische Familienaufstellung

Zwei Wörter zusammengeklebt. Kein Schamane hat das je gemacht.

Ein geschützter Kreis

Frag, wer dich schützt, wenn du mittendrin raus willst.

Die feinen, feinen Dinge.

Meine Einladung ist: Sei achtsam damit, wo du Workshops machst und wie. Es gibt Menschen da draussen, die haben ein super tiefes Verständnis von Schamanismus. Und das kann der Mann um die Ecke sein, der im Wald genau weiss, an welchen Plätzen und zu welchem Zeitpunkt irgendeine Heilpflanze wächst. Der sagt es keinem. Der hat kein Wochenende dafür.

Das ist nicht die Person, die auf einer Bühne steht und Schamanismus nach draussen schreit. Es sind die feinen, feinen Dinge. Und die findest du nicht auf einem Prospekt. Die findest du, wenn du hinschaust.

Es sind die feinen, feinen Dinge.

Fragen, wenn ein Workshop «geheim» sagt.

Zwei an die Person, die anbietet, eine an dich. Ein Satz ist eine Antwort, zehn Minuten sind keine.

Frag nachWenn ein Workshop «geheim» sagt
  • «Wenn es geheim ist, warum teilst du es?»
  • «Was kostet der nächste Kreis?»
Und eine an dichWie will ich mich fühlen, wenn ich rauskomme?

Ein Satz ist eine Antwort. Zehn Minuten sind keine.

«Wenn es geheim ist, warum teilst du es?»
Die einzige Frage, die du dem Papier stellen musst. Wer darauf eine ehrliche Antwort hat, sagt sie in einem Satz.
«Was kostet der nächste Kreis?»
Wenn es einen gibt, weisst du, was das Wochenende ist: die Tür. Wenn es keinen gibt, ist das ein gutes Zeichen.
«Wie will ich mich fühlen, wenn ich rauskomme?»
Die an dich. Ein Wort, fünf Sekunden, Finger auf die Stelle. Wenn das Wort «eingeweiht» ist, geh nicht hin.

Die drei Fragen, die für jedes Ritual gelten, stehen auf einer eigenen Seite: wie du in drei Fragen spirituellen Unsinn erkennst.

Nicht geheim. Nur noch nicht sichtbar.

Häufige Fragen.

Was ist mit «geheimem Wissen» in Schamanismus-Workshops gemeint?
Meistens ein Verkaufsargument. Wenn etwas geheim ist, behält man es. Wenn man es auf einen Prospekt druckt, will man, dass du in einen Kreis kommst, und dass du nachher eine von denen bist, die es tragen. Dann kommt der nächste Kreis, und der ist teurer.
Gibt es geheimes Wissen im Schamanismus?
Ich hab mit Lehrern aus vielen Traditionen gearbeitet, Zen, Qigong, Tai Chi, Schamanen, Buddhisten. Kein Einziger hat je das Wort geheim gesagt. Was es gibt: Wissen, das du erst verstehen kannst, wenn du so weit bist. Das ist nicht geheim. Das ist offensichtlich, und du siehst es trotzdem nicht.
Was ist «altes Wissen»?
Meistens Effekthascherei. Ich versteh, dass Marketing zum Geschäft gehört. Bei Schamanismus hab ich einfach Mühe damit.
Gibt es eine schamanische Familienaufstellung?
Nein. Kein Schamane auf der Welt hat je eine Familienaufstellung gemacht. Das ist ein Wort aus einem Seminarhotel, das man vor ein anderes Wort geklebt hat, damit es teurer wird. Wenn es einen Schamanengott gäbe, würde der eine Abmahnung schreiben, wegen Missbrauch des Wortes.
Woran erkenne ich Menschen mit echtem Verständnis?
An den feinen, feinen Dingen. Das ist nicht die Person, die auf einer Bühne steht und Schamanismus nach draussen schreit. Das kann der Mann um die Ecke sein, der im Wald genau weiss, an welchem Platz und in welcher Woche welche Heilpflanze wächst. Der sagt es keinem, und der hat kein Wochenende dafür.
Warum hab ich einen Satz meines Lehrers jahrelang nicht verstanden?
Weil dein Bewusstsein erst grösser werden musste, damit der Satz Platz hatte. Er war die ganze Zeit da. Wie diese Bilder mit zwei Dingen drin: Du siehst nur das eine, bis du das zweite entdeckst. Und dann kannst du das zweite nie mehr nicht sehen.
Was frage ich, wenn ein Workshop «geheimes Wissen» verspricht?
Wenn es geheim ist, warum teilst du es? Was kostet der nächste Kreis? Und die drei Fragen, die für jedes Ritual gelten: Was ist für dich Heilung? Was passiert, wenn ich mittendrin aufhören will? Und an dich: Wie will ich mich fühlen, wenn ich rauskomme?

Wer das schreibt.

Andy Dittrich
Andy Dittrich

Rund hundert Workshops bei verschiedenen Lehrern, viele Jahre als Schüler bei zwei indigenen Schamanen in Nordamerika und in der Mongolei und bei einem Lehrer in der marokkanischen Wüste. Rund zweitausend Menschen hat er durch Rituale begleitet, sicher rein und sicher wieder raus.

Hier steht nur, was er selber von innen kennt. Was er nicht gemacht hat, steht hier nicht.

Meine Absicht mit diesen Seiten: Ich geb dir Wissen, damit du den Unterschied selber findest. Zwischen schamanischem Bullshit und einem besonderen Erlebnis.

Ausführlich

Im Buch ist es ein Kapitel.Und ein Prospekt im Briefkasten.

In RITUALE. Wer holt dich zurück? legt Luna den Prospekt auf den Tisch mit den Wasserflaschen, und Ben liest nur die erste Zeile.

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