Es gibt nichts zu glauben.Was Schamanismus ist, was die Begriffe bedeuten, und wo die ehrliche Grenze liegt.

Über kaum ein Wort wird so viel behauptet und so wenig erklärt. Wer eine schamanische Ausbildung sucht, stolpert zuerst über Begriffe, die niemand definiert. Hier sind die Begriffe, die dir in Kursen, Büchern und Kreisen begegnen, in klaren Sätzen. Von einem, der viele Jahre bei indigenen Schamanen gelernt hat. Und der kein Schamane ist.

Von Andy DittrichStand 17. September 20269 Minuten

Definition

Schamanismus ist keine Religion und kein Glaubenssystem. Es gibt nichts zu glauben, es gibt etwas zu tun. Er ist eine Art, mit dem umzugehen, was da ist: mit dem, was du siehst, und mit dem, was du nicht siehst.

Gearbeitet wird mit drei Fähigkeiten, die du von Geburt an hast: Gewahrsein, Wahrnehmung und Intention. Das sind keine Stufen. Das sind Fähigkeiten. Ein Wort sagt man. Eine Fähigkeit übt man.

Warum es keinen Ort braucht.

Fast alles, was Menschen glauben, braucht einen Ort. Die Yogastunde braucht das Yogastudio, die Messe die Kirche, das Seminar den Raum mit dem Flipchart. Alles gebaute Orte. Und in jedem steht einer vorne.

Ein Aborigine hat mir dazu mal den schönsten Satz gesagt, den ich kenne.

«Our church is nature.»

Unsere Kirche ist die Natur. Mehr Ort braucht Schamanismus nicht. Ein Feuer, ein Baum, die Nacht. Und niemand steht vorne. Darum kommt schamanische Arbeit ohne Bekenntnis aus. Du musst nichts annehmen, was du nicht selber prüfen kannst. Genau das meine ich, wenn ich pragmatischer Schamanismus sage.

Merke

Nichts zu glauben. Etwas zu üben. Wer dir sagt, du musst erst etwas annehmen, damit es wirkt, verkauft dir eine Mitgliedschaft. Kein Handwerk.

Die Begriffe, in klaren Sätzen.Glossar

Diese Wörter fallen in fast jedem Kurs. Erklärt werden sie selten, und gleich gemeint noch seltener. So brauche ich sie, hier und in den Büchern. Überall gleich.

Begriff
Was er bedeutet
Gewahrsein (Awareness)
Das direkte Wissen, dass du bist und wo du bist. Der Grundsinn, ohne den es keine Wahrnehmung und keine Intention gäbe. Bild: ein Scheinwerfer im Dunkeln. Es verlässt den Körper nie und kann sich ausdehnen. Die Frage dazu: Wo bist du?
Wahrnehmung (Perception)
Der Sinn, der Wirklichkeit liest. Immer gefiltert durch das, was du glaubst und erlebt hast. Bild: eine Brille, die formt, was du siehst. Sie kann scharf stellen und hängenbleiben. Die Frage dazu: Was siehst du?
Intention
Direktes Sehen, ohne etwas dazwischen. Sie hält nie an und sitzt im Herzen. Bild: ein Pfeil, der eine Bahn fliegt. Im erzählenden Text heisst sie einfach die Linie. Die Frage dazu: Wohin geht deine Linie?
Absicht
Nicht dasselbe wie Intention. Eine Absicht macht der Kopf, hundert am Tag, und wenn du müde wirst, fällt sie um. Die Linie machst du nicht, du findest sie. Sie war zuerst da.
Totalität
Es gibt mehr von dir, als in einen Körper passt. Alles von dir zusammen ist deine Totalität. Der Körper ist der Teil davon, der Schuhe braucht.
Realität
Etwas, das du als wahr empfindest. Mehr braucht es nicht. Dass du nicht gut genug bist, ist eine Realität. Realitäten fragen nicht, ob sie stimmen. Sie sind da, und du lebst in ihnen.
Die materielle Welt
Was du mit den Sinnen fassen kannst: Körper, Erde, Dinge. Der Boden unter deinen Füssen.
Die nicht-materielle Welt
Was da ist, ohne fassbar zu sein: Gedanken, Gefühle, Energie, Linien. Die Luft, die du nicht siehst und trotzdem spürst.
Manifestation
Der Weg von der nicht-materiellen in die materielle Welt. Ohne Intention gäbe es die materielle Welt nicht.
Traditionslinie
Die Kette von Lehrerinnen und Lehrern, über die etwas weitergegeben wurde. Ein Fluss aus Wissen, der durch Generationen läuft. Wer keine nennen kann, hat keine.
Grosser Geist
In vielen indigenen Traditionen der Name für das, woraus alles hervorgeht. Kein Gott, der belohnt und straft. Eher der Wind, der alles bewegt.

Ausführlich stehen Gewahrsein, Wahrnehmung und Intention auf einer eigenen Seite: die drei Fähigkeiten.

Was hier nicht behauptet wird.

Die drei Fähigkeiten tauchen in vielen Traditionen auf, unter anderen Namen. Bei den Tolteken, im Buddhismus, im Yoga, im Taoismus, in der christlichen Mystik, im Sufismus. Das ist bemerkenswert. Und es ist kein Beweis. Es zeigt nur, dass Menschen an verschiedenen Orten dasselbe beobachtet und verschieden benannt haben.

Dass Gewahrsein, Wahrnehmung und Intention drei verschiedene Vorgänge in dir sind, kannst du an dir selber nachprüfen. Heute Abend, ohne Zubehör. Für die grossen kosmischen Behauptungen gibt es das nicht. Wer dir erzählt, die Wissenschaft hätte die Linien der Welt gemessen, erzählt dir was.

Resonanz zeigen ja. Beweis behaupten nein.

Und eine zweite Grenze: Schamanische Arbeit ersetzt keinen Arzt und keine Therapie. Wer dir Heilung verspricht, verspricht zu viel. Wer dir eine Diagnose stellt, ohne Arzt zu sein, tut dir nichts Gutes. Auch wenn er es gut meint.

Es gibt nichts zu glauben. Es gibt etwas zu tun.

Häufige Fragen.

Was ist Schamanismus?
Keine Religion, kein Glaubenssystem. Es gibt nichts zu glauben, es gibt etwas zu tun. Eine Art, mit dem umzugehen, was da ist: mit dem, was du siehst, und mit dem, was du nicht siehst. Gearbeitet wird mit drei Fähigkeiten, die du von Geburt an hast: Gewahrsein, Wahrnehmung, Intention.
Ist Schamanismus eine Religion?
Nein. Eine Religion hat einen Ort, eine Schrift, und einen, der vorne steht. Schamanismus hat nichts davon. Ein Aborigine hat es mir so gesagt: «Our church is nature.» Unsere Kirche ist die Natur. Mehr Ort braucht es nicht.
Muss ich an etwas glauben?
Nein. Was du nicht selber prüfen kannst, musst du nicht annehmen. Das meine ich mit pragmatischem Schamanismus: nur Dinge, die du tun und an dir selber nachprüfen kannst.
Was ist eine Traumreise?
Eine geführte Übung, meistens mit Trommel. Du bewegst dein Gewahrsein bewusst dahin, wo du hinwillst, dehnst es aus und bleibst dort, länger als dein Kopf es zulässt. Nicht der Körper reist. Dein Gewahrsein verlässt den Körper nicht, es dehnt sich aus.
Braucht es Substanzen oder Pflanzenmedizin?
Nein. Die Fähigkeiten, um die es hier geht, trainierst du nüchtern. Eine Substanz kann deine Wahrnehmung verschieben. Sie ersetzt kein Training, und sie gibt dir keine Richtung.
Kann man Schamane werden?
Schamane ist man von Geburt an. Nicht durch ein Wochenendseminar, nicht durch ein Zertifikat. Lernen kannst du das Handwerk: hinhören, wahrnehmen, deine eigene Linie halten. Das ist viel. Und es reicht für ein Leben.
Gibt es Stufen oder Level?
Nein. Es gibt Schritte, und die sind deine. Stufen gibt es nur im Vergleich mit anderen, und der Vergleich hat in einem Ritual nichts verloren.
Wie läuft eine schamanische Ausbildung ab?
Das hängt vom Weg ab. Jahresausbildungen arbeiten mit festen Modulen, Wochenendseminare geben einen Einstieg, indigene Linien geben über Jahre weiter und selten als Kurs. Was alle guten Wege gemeinsam haben: Du übst zwischen den Treffen, jemand schaut dir dabei zu, und niemand verspricht dir ein Ergebnis. Die Begleitung ist die Form, die ich anbiete: sechs Monate, zehn Menschen, jeden Monat zwei Stunden persönlich.
Was ist der Unterschied zu Coaching oder Therapie?
Coaching arbeitet mit dem Kopf und mit Zielen. Therapie arbeitet mit dem, was war, und gehört in ausgebildete Hände. Schamanische Arbeit setzt bei der Wahrnehmung an und bei der Richtung, in die du gehst. Sie ersetzt weder Arzt noch Therapie. Wer dir was anderes verspricht, verspricht zu viel.
Ist das gefährlich?
Rituale sind nicht gefährlich. Sie wirken. Das ist ein Unterschied. Wer ohne eigene Richtung reingeht, kommt verändert wieder raus, und die Richtung hat dann jemand anderes bestimmt. Darum die drei Fragen, bevor du hingehst.
Woher stammt dieses Wissen?
Aus vielen Jahren bei indigenen Schamanen in Nordamerika und in der Mongolei und bei einem Lehrer in der marokkanischen Wüste, immer als Schüler. Die Namen der Lehrer bleiben ungenannt. Das war die Abmachung.

Wer das schreibt.

Andy Dittrich
Andy Dittrich

Viele Jahre schamanische Ausbildung, immer als Schüler: bei zwei indigenen Schamanen in Nordamerika und in der Mongolei, und bei einem Lehrer in der marokkanischen Wüste. Rund zweitausend Menschen hat er seither durch Rituale begleitet, sicher hinein und sicher wieder heraus. Er schreibt die Buchreihe SHAMANIC WAYS und lebt in der Schweiz.

Ein Schamane ist er nicht. Schamane ist man von Geburt an, nicht durch ein Wochenendseminar und keine Trommel aus dem Versandhandel.

Meine Absicht mit diesen Seiten: Ich geb dir Wissen, damit du den Unterschied selber findest. Zwischen schamanischem Bullshit und einem besonderen Erlebnis.